„Absolut Karriere“

In der Winter/Frühlingsausgabe 2012 des „Karriere-Magazins für die Oberstufe – absolut karriere“
wurde ein Artikel veröffentlicht, der sich der Frage widmet, welche Hochschulform für welchen Charakter die beste ist. Universität oder Fachhochschule? Schließlich seien die Noten nicht der einzige Parameter, der in dieser Frage von Bedeutung ist. Das ist vordergründig richtig und ziemlich offensichtlich.
Doch glänzt der Artikel nicht durch Objektivität, oder gar dialektisches Feingefühl. Sehr schnell wird die Tendenziösität des Artikels deutlich, die gerne auch mal ins antiintellektuelle Ressentiment schwappt.
So ist der Artikel mit zwei Bildern illustriert die dem arglosen Leser zeigen sollen, was „typisch UNI“ und „typisch FH“ sein soll. Die Bilder sind ergänzt durch die Texte:
„Typisch UNI: Dicke Brille und Karopulli: Wer so auf einer Party aufkreuzt, wird garantiert sofort als Uni-Student geoutet. Warum? Diese Sprachwissenschaftler schwafeln einfach lieber. Und mal ehrlich: würdest du dir von dem Typen beim Renovieren helfen lassen?“
„Typisch FH: Ärmel hoch! An Fachhochschulen wird praxisnah und verschult gelernt. Bei diesen Anpackern fühlt man sich nicht so verloren auf dem Campus, weil die Hochschulen oft kleiner sind. Lieblingsfächer der FH-Studenten: Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.“
Diese dusselige und stereotype Gegenüberstellung vom vermeintlich praxis- und weltfremden Universitätsstudenten und dem Macher von der FH spricht Bände. Da darf das Spotten über klischeehafte Kleidungsgewohnheiten natürlich nicht fehlen. Das an Fachhochschulen verschult gelernt und gelehrt wird ist empirisch fraglos richtig, aber nebenbei ist selbst das Studieren an Universitäten in bedeutendem Maße verschulter geworden, etwa durch die Anwesenheitspflicht und das Bachelor- und Master-System. Eine Entwicklung, die unserer Auffassung nach eher zu problematisieren ist.
In einer zweiten Illustration wird der „Nerd“ von der Universität dem virilen „Naturburschen“, mit geöffnetem Hemd, hochgekrempelten Ärmeln und verschränkten Armen gegenübergestellt. Offensichtlich muss man sich derartig billige, reißerische und tatsächlich einfach dumme Strategien ausdenken, wenn bloße Inhalte nicht reizvoll und ansprechend genug sind.
Ebenfalls wird dem Leser des Textes der 24 jährige Thomas Pfannkuch vorgestellt, der es nie bereut hat sich für eine Fachhochschule entschieden zu haben und von seinen Erfahrungen im Fach Medienmanagement erzählt. Es wird berichtet vom „[A]npacken, Events organisieren und PR-Strategien entwerfen“. Anschließend wird er zitiert: „Kollegen, die auf einer Uni studiert haben, halten sich bei der Produktion eines PR-Films eher zurück, weil viele von ihnen noch nie eine Kamera in der Hand hatten“, glaubt Thomas.“ Unglücklicherweise schwingt er sich trotzdem dazu auf, von ihm nicht belegbare, Mutmaßungen in den Raum zu stellen und offenbart sich dabei als jemand, der die Grundprinzipien wissenschaftlichen Arbeitens nicht verstanden zu haben scheint, da er selbst den Versuch unterlässt seine Hypothese zu verifizieren. Es sei kritisch hinzugefügt, dass eine Grundvoraussetzung des menschlichen Denkens die Übernahme getroffener Erkenntnisse ist, die sich vorübergehend zu einem Festen postulieren. So wird negative Dialektik als grundsätzlich begründet angenommen, also der Glaube an ihren Richtigkeitsgehalt, der für den Moment ungeprüft bleibt. Dies berücksichtigend stehen erkennen und glauben in einem komplexen dialektischen Verhältnis, das dem menschlichen Denken inhärent ist.
Was uns zu der vermeintlichen Gegensätzlichkeit von Theorie und Praxis bringt, die hier zu Tage tritt, wie sie aber auch oft Gegenstand von linken Diskursen ist. Dabei dürfte es doch eigentlich sinnen klar sein, dass Theorie und Praxis sich nicht gegensätzlich zueinander verhalten sondern kausal. Der Grund für schlechte Praxis liegt in schlechter respektive defizitärer Theorie begründet. Ferner ist die Theorie selbst eine Form der Praxis, oder kann als solche angewendet oder verstanden werden. Frank Dölle von der HIS-Hochschulforschung konstatiert:
„Wer auf eine Uni geht, muss damit rechnen, mehr theoretische Zusammenhänge zu lernen und seine Arbeit selbständig zu organisieren.“. Wenn es um die selbstständige und eigenverantwortliche Organisation und Strukturierung der eigenen Arbeit geht sind die FH-Studenten offenbar nicht mehr die „Anpacker“ und die „Macher“. Was nicht den FH-Studenten vorzuwerfen ist, sondern den inhaltlich unstimmigen Ausführungen des Autors an denen das wirre Verständnis von Praxis und Theorie sehr anschaulich wird.
Es mag nicht sonderlich verwundern, dass der Autor (Felix Scheidl) selbst einer dieser ausgewiesenen „Anpacker“ ist. Der Glückliche hat Volkswirtschaftslehre studiert und schon im
5.Semester die Bachelor-Arbeit fertig geschrieben. So steht er dann auch schneller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung, ohne langes Herumgetrödel im Studium.
Resümierend möchten wir selbstverständlich nicht ausklammern, dass studieren, egal wo, immer den Verwertungsimperativen unterliegt und teleologisch auf die systemische Nützlichkeit und Produktivität ausgerichtet ist und am Ende eines jeden Tages dem Zwangsprinzip der Arbeit dient.
In dem dynamischen Prozess der Erkenntnis und der Erfahrung, dürfte [Konjunktiv und normativ] das unbeschwerte Lavieren Raum haben. Man muss Geist, man muss Zeit überflüssig haben, um zu erkennen. Eine schöne Idee, wenn auch sehr weltfremd.

Nur damit mal wieder irgendwas passiert…

Soziale Marktwirtschaft 21

„Es kann sich für uns nicht um Veränderung des Privateigentums handeln, sondern nur um seine Vernichtung, nicht um Vertuschung der Klassengegensätze, sondern um Aufhebung der Klassen, nicht um Verbesserung der bestehenden Gesellschaft, sondern um Gründung einer neuen.“ - Karl Marx

„Mehr Wagenknecht wagen!“ empfiehlt einem die Annonce zu Sahra Wagenknechts aktuellem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“, welches im Mai 2011 im Eichborn Verlag („der Verlag mit der Fliege“) erschienen ist.
Um herzuleiten warum tunlichst davon abzuraten ist mehr Wagenknecht zu wagen, reichen allerdings schon die Informationen, die man direkt liebevoll mit auf die Annonce arrangiert hat. Dort wird das Buch als „Konstruktiv, optimistisch und konkret“ zusammengefasst. Nach einem verhängnisvollen Doppelpunkt salbadert der Verfasser dieser Kurzbeschreibung weiter: „Sahra Wagenknecht holt die soziale Marktwirtschaft ins 21. Jahrhundert. Ein Plädoyer für eine neue Wirtschaftsordnung.“
Konstruktiv, optimistisch und konkret also exakt die drei Attribute, die eine marxistische Kritik, und damit eine marxistische Kritikerin nicht(!) auszeichnen. Dies könnte man nun besonders pikant finden, da Sahra Wagenknecht ja wohl die bekannteste Vertreterin der sogenannten „Kommunistischen Plattform“ ihrer Partei ist. Ferner erklärt sie sich solidarisch mit den autoritären Staatssozialisten Lateinamerikas Chavez und Castro und ist als ausgemachte Antizionistin zu begreifen, an denen ihre Partei, vor allem im Westen, bekanntermaßen nicht arm ist.
In Auseinandersetzung mit ihrem jüngsten Werk ist es besonders spannend ihren Werdegang von der Mehr-oder-Weniger-Stalinistin, diesbezüglich sind ihre früheren Werke zu studieren, zur liberalen Sozialdemokratin nachzuvollziehen.
Sollte es überhaupt noch jemanden geben der sich der Illusion hingibt, dass das was Sahra Wagenknecht zu formulieren versucht, sei eine antikapitalistische Kritik, der irrt.
Im Gegenteil, es ist eine zutiefst kleinbürgerliche Kritik, die den Mittelstand den großen Konzernen vorzieht, und dabei verkennt, dass diese immer und immer nach dem selben Prinzip wirtschaften, den selben Sachzwängen und ökonomischen Gegebenheiten unterliegen.
Auch die Wahl des Titels: „Freiheit statt Kapitalismus“ dieser öde, uninspirierte , leicht variierte Fundamental-Populismus und die dazu gehörige Annonce „Mehr Wagenknecht wagen“, womit man direkt zwei altbackene Polit-Evergreens aufgetischt bekommt, verdienen nichts als Spott und polemische Anfeindung. Denn eine Idee, einen Gedankenansatz für eine befreitere Gesellschaft, jenseits von Staat und Kapital, auf dessen Grundlage man vielleicht diskutieren könnte, liefert dieses Buch freilich nicht. Sarah Wagenknecht vermag es lediglich „Ambitioniert und mutig“ (Sueddeutsche Zeitung) eine „neue Wirtschaftsordnung“(siehe oben) in der Tasche parat zu haben, die dann höchsten eine graduell modifizierte Form des Kapitalismus zu sein scheint. Das ganze Projekt heißt dann „Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts“ und ist alles, aber kein Ausgangspunkt eine Welt zu gewinnen, in der die Menschen ein lustbetontes und autonomes Leben führen können.
Insofern hat Roger Baettig von der International Business Times unrecht mit seiner Einschätzung zu Wagenknechts Buch, wenn er der Meinung ist, dass sie den Kapitalismus überwinden will und recht, wenn er behauptet, dass sie die kleinen und mittleren Unternehmen zu erhalten gedenkt und nicht die Märkte zerstören will. Die Gesamteinschätzung Baettig´s verhält sich jedoch antagonistisch zu sich selbst. Entweder die Ökonomie wird reformiert, durch die Stärkung des Mittelstands etc., oder die vorgefundene Wirtschaftsform wird überwunden. Vermutlich ergibt sich diese absurde Schlussfolgerung aus dem Verhältnis von Sahra Wagenknechts Image als Kommunistin und ihren realpolitischen Forderungen.
Dieses Programm, Kapital und Arbeit nicht aufzuheben, sondern der klägliche Versuch sie harmonisch zu verbinden, und durch gesellschaftliche Reformen, in den Grenzen des Kleinbürgertums, die Antagonismen abzumildern, nannte sich vor hundert Jahren auch schon Sozialdemokratie, und ist fernab jedweder analytischen, zu den Wurzeln gehenden Kritik.
So schrieb die größte Wirtschafts- und Finanzzeitung in deutscher Sprache, das „Handelsblatt“, im Juli 2011: >>Sarah Wagenknecht entwirft in ihrem neuen Buch einen ›kreativen Sozialismus‹ – und beruft sich dafür auf liberale Grundfeste. Sie lobt Wettbewerb, Gewinne und den ›echten‹ Unternehmer (…) Dabei zeigt sie …ein tieferes Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge als viele Politiker aus Parteien, denen man gemeinhin Wirtschaftsnähe und -kompetenz zuspricht.< <
Verwundert sollte man spätestens dann sein, wenn ein wirtschaftsliberales Blatt, wie das „Handelsblatt“, die Überlegungen einer zu unrecht als Kommunistin verstandenen Person derartig affirmativ zu bewerten weiß.
Sahra Wagenknecht ist nicht als Kommunistin zu begreifen und das ist von so trivialer Evidenz, dass es jedem Kritiker, der nicht völlig maulwurfsblind durch die Weltgeschichte tapst auffallen müsste. Diesbezüglich verstehen wir es als notwendig auch die Kritik, die wir von unserer Warte aus formulieren, zu reflektieren. Daher ist es unser Anspruch zu untersuchen als welche Person die Politikerin Sahra Wagenknecht wahrgenommen wird und ob ihre aktuellen Positionen diese Wahrnehmung verifizieren.
„Die aktuelle Wirtschaftskrise ist auch eine Kreativitätskrise, sagt die Autorin. Sie nimmt die Theoretiker der Sozialen Marktwirtschaft wie Walter Eucken und Ludwig Erhard beim Wort und beschreibt es als dringlichste Herausforderung an die Wirtschaft, wieder produktiv und innovativ zu sein. Denn es muss nicht nur gerechter verteilt werden, es muss auch wieder mehr zu verteilen geben. Dazu gehört neben öffentlichen Banken als Kreditgeber für den Mittelstand auch eine radikal veränderte Eigentumsordnung, die eine echte Leistungsgesellschaft erst möglich macht. Kreativer Sozialismus, so Sahra Wagenknecht, belohnt nicht den, der sich auf ererbten Werten ausruht, sondern den, der Werte schafft.“
Es sei dazu bemerkt, welchen Nutzen eine kommunistische Weltgesellschaft von Gewinn und Wettbewerb hätte, wenn es sich dabei doch um eine Gesellschaft freier und in ihrer Diversität gleicher Individuen handeln würde und eine Gesellschaft, die überhaupt nicht „Pleite gehen“ kann, da nicht mehr nach dem Prinzip des ökonomischen Profits gehandelt werden würde und Innovation und Fortschritt jedweder Art nicht länger unter dem Vorzeichen der Wertschöpfung und Konkurrenzfähigkeit stehen müssten, sondern der Erweiterung des angenehmen Lebens aller Menschen dienen und mit Hilfe der Arbeit dafür Sorge tragen Hunger und Elend auf der gesamten Welt zu überwinden, um schließlich auch die Arbeit selbst überwinden zu können.
Augenfällig wird darüber hinaus die Integration des Prinzips der „Belohnung“ in Wagenknechts Theorie. Hier bei würde sich das angenehme Leben und der Genuss nicht etwa seiner selbst Willen vollziehen, sondern tritt auf als Gegenwert für Geleistetes und macht somit die Befriedigung der Bedürfnisse von der Arbeitsleistung abhängig. Dabei wäre schon heute die Befriedigung, nicht nur der dringlichsten, Bedürfnisse aller Menschen, durch fortschreitende Automatisierung und Technologisierung, verbunden mit einem minimalen Arbeitsaufwand, möglich.
Im obigen Zitat erklärt Sahra Wagenknecht: „Kreativer Sozialismus belohnt nicht den, der sich auf ererbten Werten ausruht , sondern den, der Werte schafft.“
Die Schaffung von Werten beziehungsweise die Wertschöpfung möchten wir an dieser Stelle analog zur biblischen creatio ex nihilo , also die Vermehrung oder Verwertung des Werts als infinite process der Entäußerung und Wiedervereinigung von Gott Vater (Wert) und Gott Sohn (Mehrwert) vermittelt über den Heiligen Geist der abstrakten Arbeit, an Hand eines Zitates von Karl Marx (Das Kapital I, MEW 23, 169 f) veranschaulichen:“Wenn in der einfachen Zirkulation der Wert der Waren ihrem Gebrauchswert gegenüber höchstens die selbstständige Form des Geldes erhält, so stellt er sich hier plötzlich dar als eine prozessierende, sich selbst bewegende Substanz, für welche Ware und Geld beide bloße Formen. Aber noch mehr. Statt Warenverhältnisse darzustellen, tritt er jetzt sozusagen in ein Privatverhältnis zu sich selbst. Er unterscheidet sich als ursprünglicher Wert von sich selbst als Mehrwert , als Gott Vater von sich selbst als Gott Sohn, und beide sind vom selben Alter und bilden in der Tat nur eine Person, denn nur durch den Mehrwert von 10 Pfd.St. [Pfund Sterling] werden die vorgeschossenen 100 Pfd.St. Kapital, und sobald sie dies geworden, sobald der Sohn und durch den Sohn der Vater erzeugt, verschwindet ihr Unterschied wieder und sind beide Eins, 110 Pfd.St.“
Die erwartete Freiheitsintention, durch die Verwendung des Begriffs Freiheit im Titel ihres Buchs, bleibt aus, denn das hier dargestellt beinhaltet nicht die Aufhebung der kapitalistischen Prinzipien und Kategorien, sondern ist nur eine zeitgenössische Modifizierung selbiger. Es ist zu bedenken, dass sich ohnehin so ziemlich alle, vom Papst bis zu Gaddafi und von der FDP bis zum strammen MLPD´ler den Begriff der Freiheit auf die Fahnen Schreiben. Ein positiver Begriff von Freiheit kann nur auf der Grundlage der Autonomie des Individuums gewonnen werden.
Der affirmative Bezug auf die sogenannte Leistungsgesellschaft und den Wettbewerb, sind zwei weitere Aspekte, die einer antikapitalistischen Kritik widersprechen, denn nur dem Produkt, das in die Warenform gebracht wird, kann ein monetärer Gegenwert zugeschrieben werden, um es am Markt zu platzieren. Wobei die verschiedenen Anbieter in ein Wettbewerbs- und Konkurrenzverhältnis miteinander treten.
„Schon lange sind nicht mehr Wettbewerb oder gar Leistung die zentralen Merkmale und Perspektiven unserer Wirtschaft, sagt Sahra Wagenknecht. Der Kapitalismus hat seine Produktivität und Kreativität verloren. Wenn Ökonomie die Kunst des Anreizesetzens ist, wirken heute die falschen, denn sie belohnen abstrakte Renditeziele und Jobvernichtung statt Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen, Umweltschonung und Unternehmenswachstum.“
Zeitgenössisch auch deswegen, weil Sahra genau zu wissen scheint, und das muss man ihr lassen, wie die post-fordistische Ökonomie zu funktionieren hat. Der strukturelle Zwang zum Selbstzwang, im Besonderen der Selbstzwang zur Kreativität, einem der Konsumierbarkeit und Wertschöpfung unterworfenem Begriff der Kreativität, eine Kreativität, die also nach den Wettbewerbs- und Leistungskriterien funktioniert.
Nicht die selbstbestimmte Befriedigung vorhandener Bedürfnisse, ist erklärtes Ziel, sondern die Schaffung immer neuer Bedürfnisse.
„Sahra Wagenknecht nimmt Ludwig Erhard beim Wort: Wohlstand für alle! In ihrer brillanten Analyse entwirft Sie ein Zukunftsmodell, das dort weiterdenkt, wo die meisten Marktwirtschaftler auf halbem Wege stehen bleiben. Ebenso wie die Marktwirtschaft sozial wird, wenn man sie vom Kapitalismus befreit, wird Sozialismus kreativ, wenn man ihn von der Planwirtschaft erlöst.“
Als „weich in der Rübe“ müssen diejenigen bezeichnet werden, die die Auffassung teilen, man könne die Marktwirtschaft vom Kapitalismus befreien und wenn man obendrein den Sozialismus, der unweigerlich ein kreativer wäre, von der Planwirtschaft befreien würde, und dieses ökonomische Hybrid-Monster auf die Menschheit los ließe, gebe es ein riesiges Spektakel. Aus materialistischer Sichtweise wäre die Validität eines Begriffs freilich daran zu messen, inwiefern Form und Inhalt kohärent sind. Freilich ist ein überaus hohes Niveau der Produktivität notwendig, um die Bedingungen einer neuen, freieren Gesellschaft zu schaffen. Die Freiheit von der Wagenknecht spricht, und die sie dualistisch dem Kapitalismus entgegensetzt, heißt „soziale Marktwirtschaft“, und das ist, wie schon die Referenz auf Ludwig Erhard erahnen lässt, ein verdammt alter Hut. Die große, sich verschärfende Verelendungen der Nichtbesitzenden, die Marx prognostiziert hat, ist zumindest in den entwickelten Ländern offenkundig ausgeblieben. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass Marx den Kapitalismus nur so analysieren konnte, wie er in im 19. Jahrhundert vorgefunden hat, und von da aus nur vorsichtige Tendenzen ableiten konnte. Heute sind die Verhältnisse andere. Die Nichtbesitzenden sind handlungsfähiges Subjekt im Rahmen des Bestehenden geworden (Partei und Gewerkschaft), die Bürger sind als Rechtssubjekte gleich, sind im Stande sich in der Arbeitswelt selbstständig, und damit zu Auto-Exploiteuren, zu machen, nebst struktureller Veränderungen der Produktion, betrieblicher Abläufe und betrieblicher Hierarchien, die die post-fordistische Wirtschaftsweise hervorgebracht hat. Unbestritten bleibt für uns, dass der Kapitalismus die bisher am höchsten entwickelte Gesellschaftsordnung ist und keine Gesellschaft zuvor einen derartigen Wohlstand erwirtschaftet hat, nur wird dieser Wohlstand bei weitem nicht allen Menschen zu Teil. Und gerade deshalb kann das Glücksversprechen „Wohlstand für alle!“ im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft nicht umgesetzt werden. Denn „Wohlstand für alle“ widerspricht jedem seiner Prinzipien.

Zum Tode Georg Kreislers

In Erinnerung an Georg Kreisler, der Vorgestern im Alter von 89 Jahren verstarb.


Trouvaille

Der trouvaille
ist aus dem Französischen entlehnt und beschreibt einen erfreulichen Zufallsfund